Kapitel 1

Ich bin hier.


Rot. Metallisch. Flüchtig wie Wasser und doch der Saft aus dem Krieg entstand und Geschichten geboren wurden. So schmeckt es, wenn du zu beißt. Dein Kiefer schließt sich langsam um das warme, pulsierende Fleisch deines Unterarmes. Hast du es schon geschmeckt? Den Geschmack der Erlösung? Der Schmerz, rötlich und metallisch. Er lindert den Schmerz der Seele, während deine Zähne Nervenende um Nervenende voneinander trennen. Wahrscheinlich kennst du es nicht. Den Geschmack vielleicht. Das Gefühl ist ein anderes.
Die meisten benutzen Rasierklingen, Messer oder andere kreative Gegenstände. Nein, ich kann es so nicht, ich muss das Fleisch spüren, es schmecken. Meine Sorgen zerbeißen, sie bluten lassen.
Wahnsinn. Idiotie. Irrsinn. Alles Titel mit welchen man den Anblick meines mit sich selbst kämpfenden Körper beschreiben könnte. Beschrieb. Beschimpfte. Warum? Diese drei „Wörter“ bedeuten doch nicht einmal dasselbe. Ist denn der der denkgestörte Wahnsinn dasselbe wie ein Sinn welcher dich in die Irre führt?
Sind es nicht die irrende Sinne die die anderen Sinne stärken?
Ich war nie sonderlich beliebt. Ich wusste das, genauso wie ich weiß, dass du diesen Einstieg nicht mögen wirst. Beginnt nicht jedes X-beliebige Teenager-Traum-Buch mit einem Außenseiter? Ihr werdet sehen. Noch sind wir ja noch nicht am Ende. Noch nicht.
Als unbeliebter Junge in einer sich ganz neu entwickelnden Welt ist es bekanntlich nicht leicht. Noch schwerer wird es durch den Fakt, dass ich anders war, von Anfang an. Ich würde meine Kindheit nicht als ungewöhnlich beschreiben. Vielleicht wäre das alles auch nie passiert, ich weiß es nicht. Der Streit, ob sich Wahnsinn in den Genen vererbt, oder durch die Umwelt geprägt wird, interessiert mich im Allgemeinen recht wenig. Ich hasse Streit. Ich hasse Streit und ich hasse es 4 Jahre meines Lebens als nervliches Wrack verbracht zu haben, inmitten eines Kreises lachender „gleichgestellter“.
Warum auch nicht, ich war dünn, nicht besonders stark und hatte niemanden der auf mich aufpassen sollte. Doch jedem schwor ich den Tod. Am meisten mir selbst. So schlug sich mein Leben 4 Jahre lang durch Wellen aus Hass, bis ich aus dieser Anstalt herauskam, lernte wie ich nicht auffalle und ging in die nächste Psychiatrie.
Hier beginnt auch schon fast meine Geschichte. Mein Leben. Dieses Buch. 
Das erste von 4 Jahren Vorbereitung auf das ewige Vorbereiten auf das Ende. Es machte Spaß. Während 31 junge Menschen, die sich einen Raum und eine Lehrkraft mit mir teilten, damit abmühten Mathematik, Chemie und Biologie zu erlernen und schließlich auch zu verstehen, verbrachte ich so ziemlich das erste volle Jahr damit zu lernen, wie ich Gefühle wiedergeben kann ohne jemanden glauben zu lassen, dass sie nicht echt seien. Das Problem keine Gefühle ausdrücken zu können war eines jener Unglücke welches mir in den ersten 4 Jahren Leidensweg geschah. Besser keine Emotion als Leid. Ganz einfach.
Jedoch ist es leichter eine Gruppe zu imponieren wenn man sich ihnen anpasst und ihre Gesichtsspiegelungen lesen kann. Nichts weiter als Muskeln die sich zusammenzogen und entspannten, kontrolliert und gesteuert von Hormonen im Gehirn. Diese konnte ich schon bald perfekt vortäuschen. Nichts ist einfacher zu täuschen als eine Gruppe von Menschen, die blind an ihre Vorstellungen von Gemeinschaft von sozialer Akzeptanz gebunden ist.
Es sei ihnen verziehen. Sie wussten es nicht besser.
Diese Lehranstalten sind ja etwas Faszinierendes an sich. Ich verstand den Reiz an der Vorstellung einen Ort auf der Welt zu wissen an dem unendliches Wissen gelehrt wird von Menschen die sich gegenseitig nicht werten. Eine Vorstellung. Außerhalb unserer Vorstellungskraft, sofern es ein außerhalb gibt, ist es ein Ort an dem Menschen dein können in Tests werten, welche so viel über deine eigentlich Intelligenz aussagen können wie eine Schnecke über einen Ball. Sie erkennt die Oberfläche, bemerkt, dass diese nicht essbar ist und spürt womöglich die Rundung welche er aufweist. Warum der Ball dort liegt, was in ihm ist und all seine physikalischen Besonderheiten welche er sowohl als Kugel als auch als elastische Körper mit sich bringt interessieren sie jedoch nicht. Nicht, dass die Schnecke nicht verstehen könnte wie man die Rotation des Balles berechnet. Vielleicht wäre sie sogar äußerst begabt im Fach der Mathematik und der Physik, die Schnecke konzentriert sich jedoch auf Nahrung und Fortpflanzung. Sie will nicht verstehen welche Eigenschaften jeder einzelne Ball besitzt.
Der Mensch will all das verstehen und auch ich hatte Spaß an dem Prozess des Lernens und des Verstehens.



Neu:

Im zweiten Jahr gab ich mich auch gesellschaftlichen Pflichten hin, welche ich als ausgesprochen unattraktiv und unsinnig abstempeln musste. Schon der Aspekt des Genusses wurde mir in einem neuen Licht präsentiert. Alkohol. Ein Gift welches eine blockierende Wirkung im Gehirn auslöst und somit die Sozialität „fördert“. Ich bekam es in dieser Form erklärt und erkannte das fördern so viel wie „Hass“, „Trennung“ und „Feind“ bedeutet. Die Verwirrung welche sich in mir nun regelmäßig zu Wort meldete, versuchte zu ergründen warum sich ein denkendes Wesen so etwas derartigem aussetzt.
Ich möchte nicht lügen, auch ich liebte Aktivitäten welche außerhalb des Stresses stattfinden. Sobald der Schmerz der innerlich nach der Antwort schrie, wer man eigentlich war, was man hier eigentlich mache und warum man es alleine tue, zu groß wurde, gab es nur zwei Linderungen. Roter, metallischer Schmerz. Oder ein Fluchtversuch nach außen. In meiner Welt, in den Wäldern gab es keine offenen Fragen. Die Natur hatte es geschafft alles in sich zu schließen. War der Mensch den keine Natur?
In der Stille der Wälder liebte ich es alleine zu sein. Meine Gedanken im Himmel kreisen zu lassen wie ein Raubvogel auf Jagd nach der nächsten Beute, oder, und die ist um einiges passender, obgleich weniger philosophisch, wie ein träges, braungewordenes Blatt im Herbstwind, das träge Mal hier hin und Mal dorthin getragen wird.
Nun, wenn ihr weiterrechnet kommst du zu dem Schluss, dass das nächste Schuljahr mein drittes sein muss. Ich bin mir sicher du bist zu diesem Ergebnis gekommen, immerhin hast du diesen Text bis hier hin verstanden.
Das dritte Jahr ergab sich als eine Hürde. Wohlgemerkt war ich selbst nicht das Problem. So kam es mir vor. Einerseits begann meine Fassade gegenüber meinen Kameraden zu bröckeln und och lies mir oft unbeabsichtigt zu viel Abscheu gegenüber den Menschen in meinem Umfeld anmerken und andererseits kam ich trotz Verständnis des Lernstoffes nicht auf befriedigende Notenstände, ein Übel welches meinen Vater wütend stimmte. So kam es, dass ich am Ende der dritten Schulstufe wieder sehr einsam war und am Rande der Gemeinschaft. Ich hasste es, doch nur noch wenige Monate und meine Geschichte sollte einen Anfang finden.

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